2013 - 11 November

 „In der Einsamkeit der Zelle“

Gedenken an ein Wismarer Opfer des NS-Regimes

 

Trotz des Datums wird die nächste „Archivalie des Monats“ im Wismarer Stadtarchiv sehr ernst. Die Projektgruppe „Stolpersteine“ und der Verein „Freunde und Förderer des Archivs der Hansestadt Wismar“ laden zu einer szenischen Lesung ein. Am Montag, dem 11. November 2013 wird um 19 Uhr im Stadtarchiv der Hansestadt Wismar an Wilhelm Wohler, ein Opfer des NS-Regimes aus Wismar, erinnert.

Für den Stellmacher Wilhelm Wohler wurde im Juni 2009 vor seinem letzten Wohnort Poelerstrasse 63 in Wismar ein Stolperstein verlegt. Als Angehöriger der Glaubensgemeinschaft der „Zeugen Jehovas“ geriet er ins Visier der Nationalsozialisten, bereits 1933 wurden die „Zeugen Jehovas“ verboten. 1934 verfassten die Wismarer Glaubensbrüder ein Protestschreiben gegen die Hitlerregierung, sprach offen über seinen Glauben und kontaktierte die im Untergrund agierenden Prediger.

1936 verhafteten die Nationalsozialisten Wilhelm Wohler, 1937 wird er zusammen mit anderen Menschen aus der Glaubensgemeinschaft zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Mutig schrieb er an seine Schwester: „Man steckt uns in Schutzhaft, um uns mundtot zu machen, bedenkt aber nicht, daß man durch die Verhaftung des Warners die Gefahr nicht beseitigt, sondern eher noch vergrößert.“

22 Briefe Wilhelm Wohlers aus der Haft sind überliefert; Briefe, die er aus den Gefängnissen Neustrelitz-Strelitz, Dreibergen-Bützow sowie aus dem Konzentrationslager Sachsenhausen an seine Schwester Anna schrieb. Eindrucksvoll dokumentieren sie den Haftweg des Wismarers. Mutmachende Briefe an die Schwester – das eigene Leid klammerte der Inhaftierte aus. Immer wieder beschreibt er der Schwester die Freude über die angekündigte Entlassung: „Nun sind die Tage schon zu zählen, es sind keine hundert mehr. Habe ich die vielen herumgekriegt, werde ich die wenigen auch noch herumbekommen.“ Was Wohler beim Schreiben nicht wissen konnte, statt nach Hause sollte er in ein Konzentrationslager gebracht werden. Seine letzte Reise.

Am 24. März 1940 schrieb er aus Sachsenhausen den letzten Brief an die Schwester. „Mir geht es gut, grüße bitte alle Verwandten und Bekannten.“ - mehr durfte er nicht schreiben. Auch nicht die Wahrheit über seinen Gesundheitszustand. Am 5. April 1940 starb Wilhelm Wohler in Sachsenhausen an Körperschwäche. In diesem Winter kam beinahe jeder vierte in Sachsenhausen inhaftierte Zeuge Jehovas ums Leben.

In der szenischen Lesung einerseits die Haftbriefe Wohlers vorgelesen, dazu Dokumente der NS-Institutionen, die Wilhelm Wohler auf verschiedene Weise verfolgten und drangsalierten. Der Eintritt am 11.11. um 19 Uhr im Stadtarchiv ist frei, Spenden für die Stolpersteine oder den Archivverein sind willkommen. Für eine musikalische Umrahmung der Veranstaltung wird Roman Samsovici sorgen.