2013 Januar

 Archivalie des Monats Januar

Archivchef im Lottofieber!

Nein, im Archiv wird üblicherweise nicht Lotto gespielt, auch wenn solch ein Geldsegen im Falle eines Gewinns gut angelegt wäre. Im Januar war ein kleiner Zettel die Archivalie de Monats. Ein Lottoschein, der eigentlich schon für den Papierkorb bestimmt war. Natürlich nicht seitens der Archivmitarbeiter, aber vor 250 Jahren war er ein Abfallprodukt. Vermutlich, weil sich der erhoffte Geldsegen nicht einstellte. Dr. Jörn erklärt: „Den Lottozettel habe ich als Beigabe zu den Akten gefunden. Die Tribunalsakten wurden früher gelocht, und damit das Papier nicht ausreißt, wurde eine altes Stück Papier vorne mit eingeheftet.“ Er hat schon eine große Kiste dieser „Beigaben“ - ein königliches Patent findet sich dort, ein altes Notenblatt, viele Deckblätter aus Akten, die es selbst schon gar nicht mehr gibt, bis zu 300 Jahre alte Notizzettel – und eben dieser Lottoschein, der nun zur Archivalie des Monats erhoben wird. Andere hätten sicher mit der ältesten Archivalie des Hauses, mit der schönsten Karte oder einem alten Buch begonnen. Jörn startet mit „Abfall“ und begründet das so: „Damit wollen wir zeigen, in wie guten Händen das Archivgut bei uns ist - bei uns kann man in Ruhe und gut behütet alt werden!“

Was macht der Rat der Stadt, wenn er nicht mehr weiß, wie es weiter geht?“, fragte Historiker und Archivchef Dr. Nils Jörn die Gäste im Lesesaal des Wismarer Stadtarchivs.  „Ich weiß ja nicht, was der Rat heute macht, aber im 18. Jahrhundert hat man Lotto gespielt“, ließ er die Gäste lachen. Er entführte sie in das Wismar nach dem Nordischen Krieg. In eine arme, zerfallene Stadt. „Der Hafen war fast nicht benutzbar, in der Lübschen Straße waren die Häuser so kaputt, dass dort die Schweine und Kühe weideten.“ Kurzum: die Stadt war pleite, die Wirtschaft nach dem Krieg am Boden und die Menschen bettelarm.

Ein Schweriner Geschäftsmann kam auf die Idee, eine Lotterie in Wismar zu veranstalten. 1739 rechnete er dem Rat der Stadt die möglichen Gewinne für die Stadt – natürlich auch für den Geschäftsmann – vor. Die Idee lockte, die nicht mal mehr kreditwürdige Stadt sah eine Möglichkeit, wieder liquide zu werden. Und das mit freiwilligen Zahlungen der Bürger! Nils Jörn: „Bei je 8.000 Losen à 2, 3 oder 4 Reichstaler pro Los sollte die Stadt 600, 1.400 beziehungsweise. 2.200 Reichstaler einnehmen. Man kann sich richtig das Knistern im Ratszimmer vorstellen, das bei dieser Nachricht geherrscht haben muss – endlich ein Weg aus einer der tiefsten Krisen in der Stadtgeschichte!“

So stand, berichtete der Historiker, auf einem Losschein passenderweise der Spruch: „Wo das Elend blüht, hat die Hoffnung fruchtbaren Boden.“ Im April 1740 wurden die ersten Lose aus Wismar in der Stadt, aber auch im reicheren Hamburg und Lübeck verkauft. Wie viel Gewinn die Stadt mit dem Glücksspiel machte, ist nicht überliefert. Es muss sich aber gelohnt haben, zwei Jahre später schon organisierte der Rat die nächste große Lotterie.

Auch von Privatlotterien in Wismar wusste der Historiker zu berichten. Beispielsweise wurden Häuser samt Inventar bis hin zum Löffel in Lose aufgeteilt und in Zeiten der Immobilienkrise im 18. Jahrhundert so zu Geld gemacht. Wer das Haus so gewann, konnte beispielsweise selbst wieder eine Lotterie veranstalten und reich werden, berichtete Nils Jörn. Sogar eine Weinhandlung und eine in Wismar geerbte Buchhandlung konnten die Wismarer so mit dem richtigen Los und etwas Glück gewinnen.