2017 - 6 Werftbesetzung

Vor 25 Jahren: „Die Werft ist besetzt!“NH Werftbesetzung2

Stadtarchiv zeigt historisches Filmmaterial von 1992

 

Ein viertel Jahrhundert ist das inzwischen her. „Mich würde interessieren, was aus den Menschen von damals geworden ist“, erzählt Harald Kothe. Der Schweißer ist mittlerweile 60 Jahre alt. Damals war der Gewerkschaftler hautnah dabei, hat zusammen mit einem professionellen Filmteam die Demonstrationen und Reden begleitet, hat die Arbeiter gefilmt, die sorgenvollen Gesichter. Am 7. Juni wird er im Stadtarchiv erinnern und erzählen vom „Werften-Poker 1992“. Dazu zeigt er das Filmmaterial von damals.

 

Dieser Betrieb ist besetzt

Der 26. Februar 1992 – bereits am frühen Morgen wurde das Haupttor der Werft symbolisch mit einer Kette verschlossen. Kothe: „Betriebsratmitglieder verschlossen das große eiserne Tor in der Lübschen Straße, damals Karl-Marx-Straße. Wolf-Rüdiger Höppner zog eine Kette durch die Stäbe und verschloss das Tor. Andere bringen ein langes Transparent quer über dem Platz vor dem Haupttor zur Werft an. Auf NH Werftbesetzung4dem steht: 'Dieser Betrieb ist besetzt!'.“ Kothe, von 1978 bis 1995 Schweißer auf der Wismarer Werft, dann auf der Lübecker, erzählt von den verschiedenen Privatiesierungsplänen und von der Angst der Arbeiter damals. „Der friedliche Protest der Schiffbauer richtete sich gegen die zögerliche Politik der Landes- und Bundesregierung, gegen das monatelange Verschleppen der Privatisierungs- und Sanierungspläne.“

 

Rostocker Arbeiter machten mit

Auch ohne Facebook und Co. verbreitete sich die Nachricht von der besetzten Werft wie ein Lauffeuer über das ganze Land. Kothe: „Die Belegschaft der MTW nahm an diesem trüben Wintermorgen die Entscheidung über die Zukunft der Werft, über die Zukunft des Schiffbaus in Mecklenburg-Vorpommern, in die eigenen Hände.“ Einen Tag später schlossen sich die Beschäftigten der Neptun-Werft und des Dieselmotorenwerks Rostock mit symbolischen Betriebsbesetzungen den Protesten an. „Es hieß immer, wir bestreiken die Werft. Das stimmt aber nicht, wir haben für unsere Arbeitsplätze die Werft besetzt, dafür legt man die Werft nicht lahm. Wir haben in der Zeit normal weiter gearbeitet und sogar ein Schiff ausgeliefert“, erklärt Harald Kothe.NH Werftbesetzung

 

Kein Zutritt für Ministerpräsidenten

Einige Anekdoten aus der Zeit kann er erzählen. Beispielsweise, dass Ministerpräsident Alfred Gomolka medienwirksam die Werft besuchen wollte, aber am Pförtner und seiner Frage: „Wer sind Sie denn?“ gescheitert ist. Harald Kothe stand auf dem Blumenkübel vor dem Werfteingang und fotografierte die Szenerie.

 

Angst um den Arbeitsplatz

Die Menschen hatten Angst um ihre Jobs. Harald Kothe: „55 000 Menschen waren vor der Wende im Bereich des Schiff- und Maschinenbaus tätig, gerade mal 19 400 sind im Februar/ März des Jahres 1992 davon noch übrig. Sie hatten das Pokerspiel der Politiker und Schiffbaukonzerne um die Werften Mecklenburg-

Vorpommerns satt. Sie wollen den Erhalt eines eigenständigen konkurrenzfähigen Schiffbaus in diesem Land durchsetzen.“

 

25 Jahre altes Filmmaterial

Harald Kothe hat in der Zeit viel gefilmt. Die IG Metall beauftragte Filmemacher aus Hamburg, in Wismar mit den Kameras drauf zu halten, Kothe gehörte zu denen, die die Hamburger in Wismar begleiteten. Geschnitten und bearbeitet geriet der Film eingelagert im Lübecker Gewerkschaftshaus fast in Vergessenheit. Harald Kothe holte ihn wieder nach Wismar, ließ ihn dank der Technik im Filmbüro MV digitalisieren. Nun wird er zum zweiten Mal in Wismar gezeigt.

Der Eintritt zu Vortrag und Film kostet wie immer drei Euro, Mitglieder des Archivvereins haben freien Eintritt, Einlass ist ab 18.30 Uhr im Stadtarchiv, Eingang Gerberstraße. Die Veranstaltung beginnt um 19 Uhr.