2017 - 9 Kägsdorf

Vortrag über Dorfgeschichte im Wismarer StadtarchivNH Kägsdorf3

 

Zufälle gibt’s! Einige davon sind Grund für die Entstehung des Buches „Das Leben in Kägsdorf - Geschichte eines mecklenburgischen Gutes“ von Sabine Tunn und Klaus-Werner von Pape. Am 19. September wird die Autorin ihr Buch im Wismarer Stadtarchiv vorstellen. Weil sich in der Dorfgeschichte auch immer wieder Bezüge zu Wismar finden. Und weil das Buch beispielhaft gut und weit mehr als „nur“ eine Dorfchronik ist.

Aber von vorne. Sabine Tunn muss ein bisschen ausholen, um die Entstehungsgeschichte des Buches dank dieser Zufälle zu beschreiben. „Meine Eltern haben die Bombennächte 1942 in Rostock miterlebt.“ Als die Mutter mit dem Bruder – gerade zwei Tage alt – ausgebombt wird, kommt sie kurzzeitig auf einem Gut unter. „Vom Gutshaus konnte ich die Ostsee und das brennende Rostock sehen“, zitiert Sabine Tunn ihre Mutter. Im Jahr 2004 suchte Familie Tunn ein neues Domizil an der Ostsee, gerne dörflich, fand eine schicke Wohnung im frisch sanierten Gutshaus von Kägsdorf mit einem großen „Rittersaal“. „Ich stand dort am Fenster, sah die Ostsee und Rostock und dachte, so muss es bei meiner Mutter gewesen sein“, erinnert Sabine Tunn sich. Sie selbst kam in der Nähe von Hannover zur Welt und lebte in Fulda.

Die Neugierde war geweckt, Sabine Tunn suchte in den Hinterlassenschaften der Mutter nach Anhaltspunkten, von welchem Gut die Mutter sprach: „Ich wusste, irgendwo gab es die ungefähr 1000 Feldpostbriefe meines Vaters. Und ich wusste, wann mein Bruder geboren war.“ Ein Telegramm des auf der Halbinsel Krim stationierten Vaters gingen an ein Gutshaus. In Kägsdorf bei Kühlungsborn. In das Dorf, in das es sechs Jahrzehnte später durch Zufall die Tochter geführt hat. „Meine Mutter hat erzählt, sie durfte mit der Familie im großen Saal essen! Das ist nun unser Wohnzimmer.“ Der nächste Zufall, einer kommt noch. Als Familie Tunn einzog, stand ein fremder Mann vor der Tür, wollte das Haus ansehen. Das Gespräch kam auf Fulda. Dort wohnte Sabine Tunn, dort wohnt der Cousin des Unbekannten. Und das ist Klaus-Werner von Pape, der 1945 vor der Enteignung noch im Gutshaus auf die Welt kam. „Es kann doch gar nicht anders sein, als dass man bei solchen Zufällen ein Buch schreibt!“, schmunzelt Sabine Tunn.

Sie hat mit den Menschen im Dorf gesprochen, hat in den Archiven zwischen Lübeck und Rostock recherchiert und die Geschichte eines Dorfes von 1284 bis jetzt aufgeschrieben. Sie erzählt die Geschichte(n) vieler Gutsbesitzer. „Es gab sehr wohlwollende Gutsbesitzer, aber auch solche, die sehr rabiat mit ihren Leibeigenen umgegangen sind“, erzählt sie von dem, was sie in den Akten gefunden hat. Ein Leibeigener sollte am freien Sonntag im Jahr 1806 einen Brief auf die Halbinsel Wustrow bringen. Er weigerte sich – zu Recht. „Der Gutsbesitzer hat so mit der Gerte auf ihn eingeschlagen, dass der Mann zum Wundarzt nach Rostock musste.“ Der Arzt dokumentierte die Misshandlungen, der Leibeigene klagte, der Gutsbesitzer bekam Recht. Ein anderer Gutsbesitzer unterstützte seine Tagelöhner und ließ sie sich um 1719 frei kaufen, verkaufte ihnen auch Land.

Oder der Gutsbesitzer Joachim Johann Heinrich von Müller, der 1781 nach Lübeck schreibt, ihm seien fünf Leibeigene nach Lübeck weg gelaufen. Ein Lübecker Polizist antwortet und schreibt, dass er im Haus eines „Freibäckers“ in der Glockengießergasse 22 ein noch warmes Bett des Knechts gefunden hat. Der Leibeigene bleibt verschwunden, zwei andere werden ausgeliefert. „Und die Bäckerei gibt es immer noch!“

Interessant und alles Dorfgeschichte und zusammen mit vielen anderen Geschichten und Anekdoten nachzulesen im Buch. Am 19.9. um 19 Uhr ist die Autorin im Stadtarchiv (Eingang Tordurchfahrt Gerberstraße 9a) zu Gast. Der Eintritt kostet drei Euro zugunsten des Archivvereins.

 

 

Infokasten:

Zwischen Wismar und Rostock liegt Kägsdorf mit derzeit gut 150 Einwohnern. Das Dorf war Bauerndorf, Nebengut und Gutsanlage, dann Neubauernsiedlung und ist jetzt Touristendorf mit wenigen Schritten bis zur Ostsee. Fast 450 Jahre blieb das Dorf im Besitz der Familie von Bülow, es folgten zahlreiche Besitzerwechsel. 1846 wurde das Dorf an Friedrich Bobsien verkauft, er ließ das heutige Gutshaus erbauen. Zugeschrieben wird es dem Wismarer Architekten Heinrich Thormann. Das Buch ist im BS-Verlag Rostock erschienen und ist im Buchhandel, im Heimatmuseum in Rerik und im Kägsdorfer Kiosk erhältlich, dazu natürlich am Vortragsabend im Stadtarchiv.