1. KW Nie wieder Klebestreifen!

Lockdown-Lesung, 1. Januarwoche

 

Wie Klebestreifen einem fast 300 Jahre alten Buch schaden

 

„Der Klassiker“, schüttelt Restaurator Christoph Roth den Kopf. In den Händen hält er das Taufbuch von St. Nikolai für die Jahre 1719 bis 1787 aus dem Wismarer Stadtarchiv. Einige Stellen auf einigen Seiten sind dunkler und glänzen. „Klebestreifen. Da hat jemand versucht, den Tintenfraß zu reparieren ...“, sieht der Fachmann aus Leipzig sofort.

„Das war in den 1960er oder 1970ern“, mutmaßt Wismars Stadtarchivar Dr. Nils Jörn. Heutige Archivare wissen, dass Tackerklammern, Klebestreifen oder auch Klarsichthüllen an historischem Papier oder Pergament nichts zu suchen haben, weil sie Schäden anrichten. „Als jemand den Klebestreifen dort aufgeklebt hat, war der durchsichtig“, erzählt Christoph Roth. Über die Jahrzehnte hat sich die Chemie des Klebestreifens verändert, genauso wie das Papier darunter. Die Verfärbung ist ein Zeichen dafür. Roth schmunzelt: „Zum Glück hatten wir in der DDR nicht so viel Klebestreifen!“ Beziehungsweise der vorhandene wurde sehr sparsam eingesetzt.

Nun ist das Kirchenbuch ein Fall für den Restaurator. Nicht nur wegen des Klebestreifens, auch wegen der Tinte aus dem 18. Jahrhundert. „Tintenfraß“: Apotheker und Schreiber haben ihre Tinten selbst angemischt als Eisengallustinte.

Über die Jahrzehnte und Jahrhunderte und in Reaktion mit der Feuchtigkeit in der Luft entsteht Schwefelsäure, die das Papier im Bereich der Schrift angreift. Im schlimmsten Fall zerbröseln wertvolle Handschriften über die Zeit unwiederbringlich. „Je nach Tintenmischung“, erzählt der Restaurator. Er weiß: Der Tintenfraß in den Archiven der Welt wird noch Generationen von Restauratoren zu tun geben.

Nils Jörn: „Die gute Nachricht ist, dass der Prozess durch richtige Lagerung wie bei uns im Wismarer Archiv deutlich verlangsamt wird!“ Nicht zu warm und nicht zu feucht dürfen die alten Bücher, Urkunden und Handschriften liegen.

Restaurator Roth wird die betroffenen Blätter im Leipziger Labor erst einmal aus dem Buch lösen, um sie „behandeln“ zu können. Mit Wärme oder Chemie gegen den Klebestreifen und die Klebstoffreste, mit hauchdünnem Japanpapier beispielsweise gegen die Folgen des Tintenfraßes.

Das Buch ist nur einer der Schätze, die Christoph Roth aus dem Wismarer Archiv nach Leipzig mitnimmt. 101 mittelalterliche Urkunden wird er restaurieren. Beispielsweise eine Verkaufsurkunde von 1488 mit historischen Siegeln, die vor Jahrzehnten in Papier eingewickelt wurden. Dr. Nils Jörn traut sich gar nicht, die Siegel anzufassen.

Er weiß, dass die Wachssiegel inzwischen vom Papier so ausgetrocknet sind, dass sie zerbrechen könnten. Roth und sein Team werden sie fachgerecht sichern, stabilisieren und anständiger verpacken. Ein anderes, eng beschriebenes Pergament wurde in Stücke zerrissen, ein Mittelstück fehlt offensichtlich. Den Inhalt des mittelalterlichen Schriftstücks kennt bisher niemand.

Christoph Roth ist mit bereits restaurierten Akten aus dem Stadtarchiv wieder nach Wismar gekommen. 30 000 Euro hat alleine die Restaurierung dieser Akten gekostet, das Geld kam von der Stadt und dem Land.

Den nächsten Schwung wird der Wismarer Archivverein bezahlen: das Buch mit dem Klebestreifen und die 101 Urkunden. Der Förderverein hat in seinen sieben Jahren seit Gründung 45 000 Euro in die Zukunft der Wismarer Geschichte „investiert“.

Zurück zu den nun restaurierten Schätzen. Nils Jörn erklärt die Handschriften mit den ansprechenden kalligrafischen Arbeiten auf den Deckblättern: „Die restaurierten Akten sind aus der Zeit 1690-1718, als Wismar als Festung die größte Ausdehnung und die meisten Soldaten beherbergte.“ Vor der Restaurierung war das Papier brüchig, große Löcher und Fehlstellen machten ein Arbeiten mit den Dokumenten nicht möglich. Nun ist jedes Blatt entsprechend gesichert für die nächsten Jahrhunderte und kann – erstmals! – wissenschaftlich aufbereitet werden.

Interessierte können die genaue Aufstellung über die Kompanien aller Regimenter und mit jedem einzelnen Soldaten nachlesen. „Dazu die Angaben, ob die Soldaten und Offiziere mit Frau und Kindern hier waren und entsprechend besoldet werden mussten“, so Dr. Jörn.

Entsprechend der Familiengröße haben die Soldaten Zettelchen für die Wismarer bekommen, wie viel Nahrungsmittel und auch Bier ihnen zur Versorgung zusteht. Nils Jörn: „Dafür waren die Bürger zuständig.“ Der Soldat wurde einem Haus zugeteilt, manch ein Haushalt hatte mehrere Soldaten und ihre Familien zu verköstigen.

Beim ersten Blick auf die restaurierten Akten staunt Dr. Jörn über die Namen der Soldaten. „Über die lässt sich schon erahnen, woher sie gekommen sein müssen – aus Frankreich, Schottland, Estland und Schweden zum Beispiel.“ Etwas, was so noch nicht bekannt war. „Ganz neue Einblicke in Wismars Schwedenzeit!“

Diese Akten werden digitalisiert, die Handschriften darauf mit einer hochmodernen und ständig weiter lernenden Technik lesbar gemacht. „Transkribus“ ist ein gemeinsames Projekt von rund 50 Universitäten und Forschungseinrichtungen aus Europa zur Erkennung und Digitalisierung von historischen Handschriften. Dank Landesförderung können Wismar und Stralsund daran teilnehmen. Nach dem Prozess ist der Inhalt der Akten online lesbar.

 

(Der Text stammt aus der Ostsee-Zeitung/mit Genehmigung der Autorin)