2. KW Wismarer Weihnachten 1945

Lockdown-Lesung, 2. Januarwoche

 

So bitterkalt war der Winter 1945


Im Buch „Wismar 1945-1949“ berichten Zeitzeugen, wie schwer das Leben kurz nach dem Zweiten Weltkrieg war
„Der Winter bleibt bis gegen Weihnachten verhältnismäßig mild. Die Feuerung ist äußerst knapp. Die ausgegebenen Kohlenkarten werden nur in einigen Abschnitten beliefert. Briketts fallen ganz aus, so dass die Bevölkerung darauf angewiesen ist, sich selbst mit Brennholz zu versorgen.“

So beschreibt Lehrer und Ratsarchivar Dr. Wilhelm Fürstenberg den Winter 1945/46 in Wismar, abgedruckt im Buch „Wismar 1945-1949, Zusammenbruch und Neubeginn“ aus der Reihe des Wismarer Archivvereins. Weiter heißt es: „Der Januar und Februar bringen sehr strenge Kälte, die die Temperatur bis auf 20 Grad minus und mehr absinken lässt. Der Mangel an Feuerung bringt viele Erfrierungen in Stadt und Land mit sich. In der Kochschen Stiftung und an deren Gebäuden werden öffentliche Wärmestuben eingerichtet. Im Gaswerk wird eine Volksküche ins Leben gerufen, die mittellosen Einwohnern zugutekommt.“

Der heutige Stadtarchivar Nils Jörn beschreibt die Zeit: „Vor dem 2. Weltkrieg hatte Wismar 29 000 Einwohner, 1946 lebten 38 000 Menschen hier.“ So viele Flüchtlinge kamen in die Stadt. Dr. Jörn erzählt weiter: „Ein Viertel der Häuser in der Stadt lag in Trümmern, die Industrie war zu 80 Prozent zerstört.“ Die Versorgungslage ist zusammengebrochen. Die Menschen hungern. Kartoffeln gibt es durch den nassen Herbst kaum, die Menschen essen Steckrüben und rote Beete, sie stehen Schlange in der Hoffnung, knappe Lebensmittel zu ergattern. Der Schwarzmarkt blüht, Butter wird für 200 Reichsmark, ein Brot für 20 gehandelt.

„Also, als ich nach Wismar kam, bin ich praktisch in ein tiefes Loch gefallen, denn wir hatten zu Hause keine Not, wir hatten reichlich zu essen und Wismar, obwohl das hier ein Agrarland war, die hatten nichts zu essen und das war schon schlimm für mich“, beschreibt Zeitzeugin Erna Boos, Jahrgang 1922. Sie flüchtete 1945 von Ostpreußen nach Wismar.

Aus der Chronik im Buch steht: „24.12.1945: Zu Weihnachten werden pro Person 4 kg Brikett ausgegeben – die Wismarer frieren, sind aber optimistisch für die Zukunft!“ Es dauert bis zum 15. Januar 1946, bis die Stadtwerke wieder Gas liefern: „Je 1 Stunde morgens und abends, 2 Stunden mittags. Auch die Stromabgabe ist stabiler geworden.“

Typhus grassiert seit Sommer 1945. In der Chronik wird vermeldet, dass am 6. November 1945 die große Impfaktion gegen Typhus in Wismar abgeschlossen wurde. 42 000 Menschen aus der Stadt und dem Landkreis wurden mit zehn Ärzten und medizinischem Personal geimpft. Die Wismarer spenden 550 Betten, 650 mal Bettwäsche, 400 Schlafdecken und 1000 Handtücher für die drei Notkrankenhäuser der Stadt.

Aus der Chronik im Buch: „Von Juli 1945 bis 15.02.1946 wurden 1678 Patienten behandelt, 139 Todesfälle. Am 01.02.1946 wurde die Typhusstation Große Stadtschule aufgelöst, die restlichen 32 Patienten wurden in die Mühlenstraße verlegt.“ Es gab festgelegte Impfzeiten in den „Impflokalen“. „Gegen eine Gebühr von 1 RM pro Person wurden alle Einwohner der Stadt über zwei und bis zu 60 Jahren geimpft, die nicht an Tuberkulose, Ruhr, Herz oder Niere erkrankt, nicht schwanger waren oder stillten oder akute Infekte hatten.

Die Stadt wurde in zehn Bezirke eingeteilt, Impflokale befanden sich im Hotel zur Sonne, der Aula der Mädchenmittelschule, der Hafenhalle, der Großen Stadtschule, im Turnerweg 11, der Gasanstalt, im Lager Friedrich-Techen-Straße, an der Eisernen Hand und am Weißen Stein. Um alle Einwohner zur Impfung zu motivieren, wurde die Ausgabe von Lebensmittelkarten im September an den Impfnachweis geknüpft.“

Selbst so kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges fand ein kulturelles Leben statt. Aus der Chronik: „22.12.1945: Das Theater hat zur Weihnachtszeit das Märchen „Das verlorene Sternlein“ inszeniert und führt es 15 Mal auf.“

„23.12.1945: Das Theater spielt zwischen Weihnachten und Silvester mehrfach die Stücke „Meine Schwester und ich“ und „Der Vetter aus Dingsda“, im Kino „Weltspiegel“ laufen über die Feiertage Filme, im „Hotel zur Sonne“ tritt das Schauorchester Waldemar Hendrich auf, im Schützenhaus gibt es Weihnachtstanz mit der Kapelle Gerhard Günter, zu Silvester einen Großen Silvesterball.“

Und: „22.12.1945: In der Waggonfabrik werden 800 Stück Spielzeug hergestellt und für Umsiedlerkinder zu Weihnachten reserviert.“

 

(Den Text hat die Autorin für die Ostsee-Zeitung geschrieben)