4. KW Historische Wismarballade

Im LockdownLeseFest laden wir Sie in der vierten Kalenderwoche zu einer wunderbaren historischen Wismarballade ein.

 

Die zu Unrecht unbekannte Schriftstellerin Sophie Kloerß (1866-1927) hat zur Wismarer Geschichte ihre Liebesballede "Lachender Tod" geschrieben. Unten können Sie nachlesen, was es mit der Autorin auf sich hat.

 

Lachender Tod

Sophie Kloerß

 

"Hans Henning von Moltke ist in der Stadt,

Der Vitalienbruder!" Sie melden's dem Rat.

"Der unsere Schiffe geraubt und gebrannt,

Heut' gibt ihn sein Schicksal in unsere Hand.

Sein Schiff ist gesunken, er selber ist wund,

Die scharze Suse verbirgt in zu Stund.

Sie hegt ihn am Strande in ihrem Haus

Und höhnt noch: Sie gebe ihn niemals heraus."

 

Der Bürgermeister von Wismar spricht:

"Schafft die schwarze Susanne vor's Stadtgericht."

Und wie sie das Mädchen aufs Rathaus gebracht,

Den Herren hat's in die Augen gelacht.

"Ihr habt mich gefangen mit Spießen und Knecht,

Ihr habt mich gebunden, - es ist Euer Recht.

Eure Knechte durchsuchten mein ganzes Haus,

Hans Henning von Moltke fand keiner heraus.

Und haltet Ihr sieben Tag lang Gericht,

Den Liebsten, Ihr Herren, verrat ich Euch nicht."

 

"Du kecke Dirne, das wollen wir sehn,

Bald wird Dir Dein höhnisches Lachen vergehen.

Willst Du freiwillig die Wahrheit nicht sagen,

Wir der Meister Henker Dich scharf befragen."

"Verhör und Folter - mir gilt es gleich,

Ihr mach mir den eisernen Willen nicht weich."

"Und mag Dir der Satan die Kräfte stählen,

Die Wahrheit konnte noch keine verhehlen.

Und bist Du die Hexe, wie man es spricht,

Du wirst bekennen." - "Das werde ich nicht."

 

"Der Henker mit seinen Knechten heran."

Sie lacht ins Gesicht dem finsteren Mann.

"Die Daumenschrauben." man holt sie herbei.

Sie reicht die Hände ganz frank und frei.

Und wie das feine Gelenk erkracht,

Mitten im Schmerz hat sie schmetternd gelacht.

"Gebt's auf, Ihr Herren, Ihr zwingt mich nicht",

Doch weiter schreitet das grause Gericht.

Und bleich wird das Antlitz, es bäumt sich der Leib, -

"Herrgott! ich bin nur ein sterbliches Weib."

Schaum tritt auf die Lippen. "Erbarmen! Halt an.

Ich will ja bekennen, was ich getan."

 

Am Boden kniet sie, gebrochen und wund.

"Ich bin eine Hexe, ich beicht es zur Stund.

Ich bin eine Hexe, Ihr mögt mich verbrennen,

Zu arg sind die Qualen, - ich muss bekennen.

Der, den Ihr verfolgt mit Hass und mit Drohn,

Der ist gerettet, der ist enflohn.

Ich hab ihn verzaubert in Möwengestalt,

Ich öffnete oben am Dache den Spalt, -

Als Eure Knechte das Haus umstellt,

Schwang sich die Möwe ins freie Feld.

 

Erst ferne von Euch in sicherem Glück

Gewinnt er das eigene Antlitz zurück."

- Die Knechte murmeln: "Es mag schon sein,

Eine Möwe stieg schreiend im Sonnenschein.

Wer hat da an Hexenzauber gedacht?

Wer hat in Wismar auf Möwen Acht?"

Und der Rat verkündet gerechten Spruch:

"Dieweil die Dirne mit Lug und Trug

Zum Schaden der Stadt ihre Netze gespannt, -

Dieweil sie sich selber als Hexe bekannt -

Wird morgen früh sie durch Feuers Macht

Vom Leben zum sühnenden Tode gebracht."

Da reckt sich die schwarze Susanne und lacht.

 

Die Stadt entehrte der Hexenbrand,

Drum baut man den Holzstoß draußen am Strand.

Am frühen Morgen im frischen Wind

Strömen zum Tore Man, Weib und Kind.

Wie die schwarze Susanne den Strand erreicht,

Der Wind ihr scharf um die Schläfen streicht.

Sie lächelt nur heimlich: "Bist du zur Stelle?

Nun hilf mir, ihn retten, du wilder Geselle."

Weit geht ihr Blick über See und Land,

Sie rüsten drunten ein Schiff am Strand.

Die Segel spannt es zu eilendem Flug,

"Möwe" steht an dem ragenden Bug.

Jetzt winden sie langsam den Anker zur Höh, -

Jetzt strebt es vom Strande hinaus in die See.

 

Sie fühlt es nicht, dass des Henkers Hand,

An den Pfahl ihre schimmernden Glieder band,

Sie sieht es nicht, wie er die Fackel erhebt,

Ihr Herz ist im Schiffe und hofft und bebt,

Jetzt - jetzt - jetzt schießt es dahin durch die Bucht

Im jagenden Winde! - Gelungen die Flucht.

Und sie lacht, und sie weint, und sie jubelt's heraus!

"Dort spannt die Möwe die Schwingen aus!

Seht hin! Seht hin! Ihr holt sie nicht ein,

Hans Henning fliegt in das Leben hinein.

Und ob Ihr mich fragtet mit scharfem Gericht,

Die Wahrheit, Ihr Herren, verriet ich Euch nicht!

Das ist die Möwe, in die er gebannt,

Sie trägt ihn nach Ribnitz zum rettenden Strand.

Und ist er bewusstlos und wund und krank, -

Er wir doch leben! Die Flucht gelang.

Hans Henning, Dich grüß ich von Flammen umloht,

lachend geh ich für Dich in den Tod." -

Prasselnd schlagen die Gluten zur Höh,

Fern schwindet die Möwe auf Wogen der See.

 

Steffen und Carola Herbst retten mit ihrem Lexikus-Verlag solche Kostbarkeiten und lassen sie digital weiter leben! Zum Glück sind sie auch bei uns aktive Mitglieder - lieben Dank für diesen Fund!

 

So schreibt Sophie Kloerss (geboren 1866 in Hamburg, gestorben 1927 in Schwerin) über Wismar als Seeräuberstadt. Steffen Herbst vom Lexikus-Verlag in Bad Kleinen hat durch allerlei Zufälle und gute Begegnungen die Schriftstellerin wiederentdeckt und will sie und ihr Werk bekannter machen. Eigentlich engagiert er sich seit Jahren für Sophie Kloerss, allerdings ohne es zu ahnen. 1923, also kurz vor ihrem Tod, schrieb sie die Geschichte von „Hein Hannemann“ und seinen in Rostock spielenden Abenteuern. Die Figur mausert sich zum Rostock-Maskottchen, nur die Schriftstellerin dahinter kennt niemand. Denn: Sophie Kloerss hat diese und andere Geschichten unter dem Pseudonym „W. v. d. Mühle“ veröffentlicht.

„Ein Wilhelm von der Mühle hat zu Nazizeiten geschrieben und landete auf dem Index“, berichtet Steffen Herbst, wie Hein Hannemann und Co. vergessen wurden. Vorher schrieb die Mecklenburgerin Mädchen- und Frauengeschichten, ihre „Jungmädelgeschichten“ zum Beispiel wurden immer wieder nachgedruckt. Nun wandte sie sich erstmals der männlichen Leserschaft zu – vielleicht deswegen das Pseudonym mit der folgenschweren Verwechslung? „Ein großes Unrecht, was der Sophie Kloerss zugefügt wurde“, kommentiert Steffen.

„Im Landesarchiv gibt es eine Biografie, die die älteste Tochter geschrieben hat.“ Auf der Webseite des Lexikus-Verlages ist der Lebenslauf nachlesbar. Auf www.lexikus.de findet man auch mit den Suchbegriffen „Lachender Tod“ die Wismarer Seeräuberballade. „Sie schrieb immer über Familie und Heimatgeschichte, ein Schwerpunkt waren die Nordsee und Friesland, ein anderer die Ostsee und Mecklenburg. Man lernt die Sitten, Gebräuche, Traditionen und Geschichten aus ganz Norddeutschland kennen“, begründet Steffen Herbst, wieso Sophie Kloerss es seiner Meinung nach Wert ist, wiederentdeckt zu werden.

Immerhin wurde Sophie Kloerss mit ihren Werken mehrfach ausgezeichnet, für ihre Gedichte und Balladen bekam sie beim Dichterwettstreit „Kölner Blumenspiele“ fünfmal die silberne Lilie, erstmals mit der Wismarer Ballade „Lachender Tod“. Verheiratet, sechs Kinder, großer Haushalt: „Wie meine Mutter dann allmählich wieder ihre schriftstellerische Tätigkeit aufnahm und in nie erlahmender Arbeit neben all ihren Pflichten als Hausfrau und Mutter, ihre Bücher schrieb, kann ich nur heute noch bewundern“, schreibt ihre Tochter Hedwig Kloerss. Die Schriftstellerin selbst hat ihre Erfahrungen 1918 im Buch „Mutter sein“ zusammengefasst.