5. KW Poeler Hexenprozess

In der letzten Woche tat eine verliebte Wismarerin so, als sei sie eine Hexe - um ihren Schatz zu retten! In der fünften Kalenderwoche stellen wir einen berühmten Poeler Hexenprozess vor.

Sollte das ein Poeler oder - schlimmer noch - eine Poelerin lesen: Sorry! Aber alles historisch verbürgt! Jetzige PoelerInnen sind sehr liebenswürdig!

 

Der Hexenwahn von Poel - oder: Poeler Langeweile bringt Unschuldige auf den Scheiterhaufen

 

 

7. Februar 1699 in der Ortschaft Brandenhusen auf der Insel Poel. Es ist bitterkalt, auf der Ostsee treiben Eisschollen. Vor dem Tor zum Bauernhof von Peter Ewers ­stehen die Menschen der Insel und warten auf ein gruseliges Schauspiel. Lucie Bernitt, einfache Schweinehirtin aus Brandenhusen, ist der Hexerei angeklagt.

Und die ganze Insel, so scheint es, will sie brennen sehen. Das ist kein Auszug aus einem historischen ­Roman, sondern ein echter Kriminalfall, der das Zeug zum Roman hätte – dank eines Potsdamer His­torikers und seiner Forschung. Und genauso romanhaft und fesselnd steigt der Historiker in die ­Geschichte ein.

„Der Fall ist berühmt und weithin bekannt in der Forschung“, erzählt Dr. Martin Schaad, Historiker und stellvertretender Direktor des Einstein Forums in Potsdam. Er hat sich intensiv mit dem Thema der Hexenverfolgung auf Poel auseinander­gesetzt. „Lucie Bernitt wird seit dem 19. Jahrhundert in fast allen maßgeblichen Büchern zum Thema ­besprochen“, erklärt er. Die – bis­herige – Forschungsmeinung war unisono: der Poeler Fall war eine „Hexenverfolgung seitens der ­Obrigkeit“ im Vergleich zum genauso an anderen Orten und Fällen praktizierten Hexenwahn von „unten“, also ausgelöst durch die Bevölkerung.

Der Fall der Lucie Bernitt war ­ungewöhnlich, weil es für das ­Todesurteil eine Rechtfertigungsschrift eines am Prozess beteiligten Rostocker Juristen gibt. „Das kommt selten bis nie vor, deswegen interessieren sich viele Forscher für den Fall“, erklärt Martin Schaad. Und ziehen den Schluss, dass diese Schrift von „oben“ die arme Schweinehirtin vor 330 Jahren auf den Scheiterhaufen gebracht hat.

„Mich hat interessiert, ob das so stimmte.“ Der Historiker hat zusätzlich zu den bekannten Akten aus dem Landeshauptarchiv in Schwerin auch Gerichtsprotokolle und mehr beispielsweise im Wismarer Archiv untersucht.

Sein Ergebnis war erschütternd: „Es hat sich herausgestellt, dass die Poeler sich gegenseitig ständig der Hexerei beschuldigt haben. Alle waren beteiligt, der Pastor war mit seinem religiösen Fanatismus die treibende Kraft.“ Er rekonstruiert die Ereignisse von damals anders als viele Historiker vor ihm.

„Eine andere Antwort auf die Frage, warum Lucie Bernitt sterben musste, lautet also: Weil Margarethe Lembke ihre Fährdorfer Nachbarin Elisabeth Schabbel auf dem Scheiterhaufen brennen sehen wollte. Und weil sie in ihrem Schwager Peter Ewers und ihren Brüdern Harmen und Christian Lembke willige Helfer gefunden hat, um Lucie Bernitt in Brandenhusen zur Besagung der „alten Schabbelschen“ als ihrer Lehrmeisterin zu bringen.“

Margarethe Lembke prozes­sierte jahrelang gegen ihre Nach­barin Elisabeth Schabbel – ohne ­Erfolg. „Über Jahre hatten es die Richter zugelassen, dass der inselweit bekannte Konflikt zwischen Lembke und Schabbel immer ­weiter eskalieren konnte, soweit, bis Margarethe Lembke in der Hinrichtung der daran unbeteiligten Schweinehirtin den einzigen Ausweg sehen würde.“

Lucie Bernitt war das Bauernopfer im Schachspiel zweier Poelerinnen. Erfolg hatte Elisabeth Lembke mit ihrer Intrige durch zwei besondere Faktoren. Schaad: „Der strukturelle lag in der rechtlichen Verfasstheit der Insel Poel mit ihrer zweigeteilten Obrigkeit. So sollte nicht die schwedische Gerichtsbarkeit, sondern die Lübecker Bürgermeister über Lucie Bernitt richten.“ Dort wusste man nicht viel über die Streitereien zwischen den Lembkes und Elisabeth Schabbel.

Bitter für die Schweinehirtin: die niedere Gerichtsbarkeit und damit die Verhandlungsführung vor Ort lag in den Händen von Peter Ewers, dem Schwager von Margarethe Lembke. Und die Familie Lembke hatte den Pastor als rechtschaffenden Mann der Kirche auf ihrer Seite: Martin Cassius.

„Entscheidend war schließlich die unhinterfragbare Autorität, mit der er als Mann der Kirche der gottesfürchtigen Schweinehirtin die Geschichte einreden konnte. Und so sollte der erste Teil des Plans tatsächlich gelingen“, berichtet Schaad. Heißt: Lucie Bernitts Leben endete auf dem Scheiterhaufen.

Historiker Schaad macht deutlich, wie es zum Fehlurteil kam, wem damals bewusst gewesen sein muss oder wer mit entsprechender Sorgfalt hätte wissen müssen, dass Lucie Bernitt unschuldig sterben musste beziehungsweise welche ganz unzauberhaften Hintergründe die Anschuldigungen als Hexe ­hatten.

Aus heutiger Sicht ist die Rechtslage natürlich klarer: „Hexen gibt es nicht und gab es zu keinem Zeitpunkt in der Menschheitsgeschichte. Wohl aber gab es Hexengeschichten (und diese gibt es immer noch). Hexengeschichten können auf unterschiedliche Art und Weise zustandekommen, durch Gerücht oder Fama, aufgrund einer Besagung, mit der Folter erzwungen oder auch im Zuge eines „freywilligen“ Geständnisses unter psychischem Druck. Oder gar durch Fabrikation und Eingebung von Seiten der ermittelnden Instanzen, wie in dem hier geschilderten Fall.“

Intrigen, Nachbarschaftsstreitigkeiten, Missgunst und Neid: „Das alles hat interessante, aber auch leider wenig rühmliche Details der Inselbewohner zu Tage treten lassen.“ Der Fall habe sich über die Zeit, so der Historiker, hochgeschaukelt.

Die ursprünglichen Ursachen der Fehde sind anhand der Akten nicht mehr nachvollziehbar. „Die Menschen waren nicht reich, es ging nicht ums Geld.“ Die Mutmaßung des Fachmanns: „Die Prozesse ­waren vielleicht ein Produkt des eintönigen Insellebens.“

 

PS: das Buch ist im Druck, wir sagen Bescheid ...