6. KW: Wismarer Seeräuber

In der 6. Kalenderwoche verraten wir Ihnen, wie Wismar zur Seeräuberhochburg wurde! Und daran war ausnahmsweise nicht Störtebeker Schuld (also nicht, dass wir wüssten ...). Der wurde ja in Wismar verprügelt ... aber das ist eine andere Geschichte ...

 

Wie Wismar zur Seeräuberhochburg wurde ...

 

Wismar und Rostock galten im Mittelalter als Seeräuberhochburgen. Eigentlich durften geraubte Waren in den Hansestädten nicht gehandelt werden. 1377 gab es einen entsprechenden Beschluss der Hanse, dem Wismar und Rostock nicht beitraten. 

Ganz im Gegenteil: Beide Städte gaben Kaperbriefe aus, öffneten ihre Häfen für die Seeräuber und hofften so, Dänemark als damaligen Feind zu schwächen. Einige prominente Seeräubereien von Wismar aus sind nachgewiesen. Allerdings überfielen die „Vitalienbrüder“ nicht nur dänische Schiffe.

„Beide Städte befanden sich in einer Zwickmühle. Zum einen waren sie Hansestädte und mussten die Regeln des Bündnisses befolgen. Zum anderen waren sie mecklenburgische Landesstädte, wonach sie die Beziehungen zum Landesherren weiterhin so gestalten mussten, dass sie keine Sanktionen zu befürchten hatten.“ 

Und der heuerte „spätestens im Frühjahr 1377 Seeräuber an, um einen Kaperkrieg gegen die Dänen vorzubereiten.“ Und Wismar weigerte sich, „den Beschluss der Hanse umzusetzen, dass das Gewähren von Unterschlupf für Seeräuber ebenfalls strafrechtlich zu verfolgen war.“ Das schreibt Tom Hutfilz im gerade neu erschienenen Buch „Verfestungen, Stadtverweisungen, Urfehden. Kriminalität und ihre Ahndungen in mittelalterlichen Hansestädten am Beispiel Wismars“.

Tom Hutfilz gehört zu den Studierenden, die 2018 und 2019 am Hauptseminar zur „Geschichte der Kriminalität und ihrer Ahndung in mittelalterlichen Hansestädten am Beispiel Wismars“ an der Universität Rostock teilnahm und sich intensiv mit dem Wismarer Verfestungsbuch als Quelle auseinandergesetzt hat.

Zurück zu den Seeräubern. Wismar war, so Tom Hutfilz, eines der Versammlungszentren für die mecklenburgischen Adligen, „welche die Seeräubergruppen in dieser Zeit anführten.“ Weiter: „Am Hafen wurden die Schiffe für die kommenden Raubzüge ausgerüstet, in der Stadt die nächsten Überfälle geplant oder die Beute in Sicherheit gebracht.“

Er berichtet auch, wieso immer mehr Menschen zu der Zeit ihr „Glück“ als Seeräuber suchten und dabei in der Regel ihr Leben riskierten. „Einerseits bewirkte eine schwere Agrarkrise, die sich mit Beginn des 14. Jahrhunderts über das Land legte, anderseits die Marcellusflut, die 1362 an der Nordseeküste tobte und ihr enorme Landmassen, Vieh und Vorräte entriss, dass unter anderem der Landadel in den Gebieten an der Ost- und Nordseeküste verarmte.“

Wismar wird massiv mit dem Thema Seeräuberei konfrontiert, der zu der Zeit fast den gesamten Handel über die Ostsee zum Erliegen brachte. Tom Hutfilz vermutet, „dass die Hehlerei und die Unterbringung von Seeräubern um circa 1380 noch nicht strafrechtlich verfolgt wurden und demnach die Bürger sowie auch die Stadt Wismar als Unterstützer angesehen werden könnten.“

Die Einträge im Verfestungsbuch beweisen, dass die Stadt erst deutlich nach dem Hansebeschluss gegen Hehlerei und Seeräuberei vorgeht. Tom Hutfilz: „Im Eintrag 414 musste ein gewisser Heyneke Garbrader die Stadt verschwören, da er „Seeräuber in Haus und Hof beherbergte und ab und zu für sie verkaufte, was sie auf See raubten.“ Auffallend: Erwischte Seeräuber wurden in Wismar nicht mit dem Tod bestraft, wie in anderen Städten.

Wie muss es sich in solch einer Stadt voller Seeräuber gelebt haben? Die Situation war schwierig. Tom Hutfilz: „Einerseits lief man Gefahr, sich gegen die anderen Hansestädte und die Kaufleute in der Stadt zu stellen. Andererseits waren die Befürchtungen in der Bevölkerung aufgrund der Anwesenheit vieler Seeräuber enorm gewachsen.“

Ein Umdenken kam erst Ende des 14. Jahrhunderts. Tom Hutfilz beschreibt einen Vorfall im Winter 1393/94. „Bei dem Versuch der dänischen Königin, die Bevölkerung von Stockholm, die als schwedische Stadt das Herzogtum Mecklenburg unterstützte, aushungern zu lassen, fuhren acht Schiffe aus Wismar mit Lebensmitteln und Vitalienbrüdern an Bord nach Stockholm, um der Belagerung ein Ende zu setzen. 

Trotz Einfrierens der Schiffe im Eis vor der Stadt konnte die Blockade erfolgreich gebrochen werden. Bei diesem Unterfangen waren vermutlich Klaus Störtebeker und Godeke Michels anwesend, die unter anderem dafür sorgten, dass dies zukünftig als Heldentat der Vitalienbrüder glorifiziert wurde.“ 1395 schlossen Dänemark und Mecklenburg Frieden, die Legitimation für die Seeräuber fiel weg.

Seeräuberei ist logischerweise nicht das Top-Thema im Wismarer Verfestungsbuch. „Lediglich zwölf von 987 Einträgen beschäftigten sich mit dem Raub auf See.“ Zwei Einträge können aus heutiger Sicht mit dem Thema in Verbindung gebracht werden. Ein gewisser „Nicolaus Stortebeker“ wurde 1383 in eine Schlägerei verwickelt.  

Tom Hutfilz: „Das ist bedauerlicherweise der einzige Hinweis auf den Aufenthalt des bekannten Seeräubers Klaus Störtebeker in Wismar.“ Dafür kommt auch sein späterer Kumpel, Gödeke Michels, im Buch vor. 1397 hat er die Ortschaft Buckhorn mit weiteren Männern beraubt und wurde deswegen verfestet.

 

(Die Autorin hat den Text für die OZ geschrieben ...)