8. KW: Poeler Tor

Archäologinnen legen Reste des Poeler Tors frei


Auf Wismars Großbaustelle wurden mittelalterliche Funde dokumentiert – bevor sie zerstört wurden ...


Die Arbeiten an der Großbaustelle Poeler Straße sind ins Stocken geraten. Denn die Bauarbeiter sind beim Baggern auf geschichtsträchtige Mauerreste gestoßen und haben die Experten angerufen. „Zum Glück“, sagt Archäologin Cathrin Patzelt. Sie ist mit einer Kollegin vor Ort. Gemeinsam dokumentieren sie die Funde, legen Schicht für Schicht und Jahrhundert für Jahrhundert das frei, was seit dem Mittelalter im Boden „schlummert“: Reste des alten Poeler Tors und der Stadtmauer. Die Frauen vermessen, machen Fotos, zeichnen, legen weiter frei - Jahrhundert für Jahrhundert.

Die freigelegten Fundamente lassen den Grundriss erahnen: die zwei Torwangen mit der Öffnung dazwischen. Auch die Anschlüsse zur Stadtmauer sind zu erkennen. „Das Feldsteinpflaster ist wohl neuzeitlicher“, vermutet Cathrin Patzelt und erklärt die „unebene“ Oberfläche mit einem Abfluss für Regenwasser. Genaueres werden die Ausgrabungen in den nächsten Tagen zeigen.

Eine „mittelalterliche Herdplatte“ ist selbst für den Laien zu erkennen: rußgeschwärzte Steine, direkt an der Stadtmauer anschließend, vielleicht aus einer der Buden für die ärmere Bevölkerung, die laut mittelalterlichem Stadtplan direkt an der Mauer standen. In einer Abfallgrube haben die Archäologinnen erste kleine Scherben gefunden, die sich eindeutig auf das Mittelalter datieren lassen. „Wenn wir eine Scherbe finden, wissen wir meist auch, aus welcher Zeit die stammt“, erklärt Cathrin Patzelt.

Stadtarchivar Dr. Nils Jörn weiß aus seinen Quellen genaueres: „Die Stadttore wurden im 14. Jahrhundert gebaut als Teil der Stadtbefestigung. Es gab fünf große Tore und mehrere Pforten.“ „Überlebt“ haben die Tore bis ins 19. Jahrhundert hinein, „dann wurden sie als Einfahrt in die Stadt zu eng und abgerissen“, erklärt er. Nur das Wassertor blieb stehen. „Weil es in vielen Reiseführern damals schon beschrieben wurde!“, lacht der Historiker. Er erzählt weiter von Torwächtern und Schließzeiten. „Wer zu spät ans Tor kam, musste vor den Toren der Stadt schlafen!“

Und die Torwächter hatten auch Zettel, wer alles nicht in die Stadt durfte. Im Stadtarchiv gibt es sogar noch Fotos vom Poeler Tor! Ratsarchivar Dr. Friedrich Techen beschreibt 1929 in seinem Buch „Geschichte der Seestadt Wismar“ die Mauer und die fünf Wismarer Stadttore: „Die Mauer war an ihrem Fuße kein volles Meter stark und nur 3,5 bis 4 Meter hoch. Zu ihrer Verstärkung dienten Mauertürme und Wikhäuser, deren um 1470 36 vorhanden waren. Die Tore waren turmartig (wie das Poeler Tor) oder hausartig (wie das große Wassertor) gestaltet.“

Friedrich Techen datiert die fünf Tore auch: „Dem Ende des 14. Jahrhunderts entstammten das Poeler Tor und der Gefangenturm, wogegen das Große Wassertor um 1450 entstanden sein wird. Ein Vortor vor dem Mecklenburger Tor wird 1483 als neu bezeichnet, ein Vortor vor dem Poeler wurde 1498 gebaut. Man wird demnach auch die übrigen Tore und Mauertürme, die die Stadt gleichzeitig schützten und schmückten, dem Ende des 14. und dem Laufe des 15. Jahrhunderts zuzuschreiben haben.“

Friedrich Techen schreibt weiter: „Das Alt-Wismarsche, das Lübsche und das Mecklenburger Tor wurden 1869, das Poeler Tor nach langem Widerstreben des Rates auf Betreiben des Ausschusses 1870 abgebrochen. Den Anstoß zum Antrag des Ausschusses hatte der stets zu allem Unfug bereite Advokat Düberg gegeben. Mehrfache Anläufe, auch das Große Wassertor zu Fall zu bringen, sind bisher abgeschlagen worden.“

Nun müssen die Reste des Poeler Tores genauso dem aktuellen Bauvorhaben weichen. „Die Feldsteine bringen wir immer zum Wismarer Tierpark“, erzählt Vorarbeiter Torsten Lange. Dort werden sie weiter genutzt, beispielsweise für Einfriedungen.

Historische Funde, berichtet der Vorarbeiter, werden in Wismar regelmäßig bei Bauarbeiten entdeckt. Er erinnert an die Straßenbauarbeiten in der Mecklenburger Straße, wo sogar noch hölzerne Wasserleitungen und Bohlen von der alten Straßenbefestigung gefunden wurden. Alle Kollegen sind entsprechend sensibilisiert, stoppen sofort die Arbeiten und rufen dann die Archäologen für ihre Untersuchungen.