9. KW 1980er Jahre (Ein Vorgeschmack)

06-3010Psst. Eigentlich dürften Sie das noch gaaaaar nicht lesen. Denn das ist ein Kapitel-Vorwort von Dr. Nils Jörn zum neusten Buch aus dem Archivverein. Wismar in den 1980er Jahren. Mit Zeitzeugeninterviews und starken Fotos aus dem Archiv aus der Zeit. Das kommt Richtung Ostern 2021 in den Handel, mit Pech als Bückware. Aber das haben Sie nicht von uns!!!

 

Wo sind all die Blumen hin? Wo sind sie geblieben? Wo sind all die Blumen hin? Was ist geschehen?

Für DDR-Verhältnisse war Wismar eine sehr schöne, gut gepflegte Stadt. Das mag an der Nähe zu Lübeck und der Lage im erweiterten Grenzgebiet gelegen haben, die es für Besucher aus Westdeutschland vergleichsweise schnell erreichbar werden ließen – man konnte die Stadt also nicht derart dem Verfall überlassen wie etwa Greifswald oder Wolgast. Stattdessen versuchte man, sie neben Berlin, Leipzig und den nahe der westlichen Grenze gelegenen Bezirksstädten zu einem der Schaufenster der DDR zu entwickeln.

Bekanntlich waren die Möglichkeiten der sozialistischen Planwirtschaft beschränkt, Oberbürgermeister Lunow zeigte sich aber immer wieder ideenreich, um zusätzliche Mittel für „seine“ Stadt einzuwerben. So überzeugte er den Rat des Bezirkes davon, einen Modellversuch zu machen und die Dächer ganzer Straßenzüge von Jugendbrigaden mit Teerpappe decken zu lassen. Die Brigaden sollten von Dach zu Dach steigen und damit effektiver arbeiten. Die benötigten Arbeitsmittel stellte der Bezirk bereit und feierte sich für das Ergebnis. Lunow schmunzelte und feierte mit, vor allem, da es auf diese Weise gelungen war, einige Dutzend Dächer abzudichten, für die in nächster Zeit sonst keine Hoffnung bestanden hätte. Die auf den Dächern aufgenommenen und noch verwendbaren Ziegel nutzte man wiederum für weitere Reparaturen – zu DDR-Zeiten wurde nicht nur in Wismar nichts weggeworfen.

Solche Coups gelangen natürlich nicht ständig, doch auch mit einfacheren Maßnahmen und Mitteln gelang es, die Stadt zu verschönern und lebenswerter zu machen: mit zahlreichen Blumenkästen in der Innenstadt, verkehrsberuhigten Zonen, Bänken und Plastiken in den Fußgängerpassagen genauso wie in den Neubaugebieten. Ab dem Frühjahr bis in den späten Herbst blühte es in vielen Straßen und auf zahlreichen Plätzen der Stadt. Auch die Einwohner waren zu eigenen Aktivitäten aufgerufen. Am Wochenende oder nach Feierabend wurden Blumenkästen und Rabatten vor den Wohnhäusern gepflegt, Pflanzen und Blumenzwiebeln teilweise kostenlos zur Abholung vom VEB Stadtwirtschaft bereitgestellt und durch die Wismarer vor der eigenen Haustür gepflanzt – das schlug sich an vielen Stellen positiv im Stadtbild nieder. Man freute sich an den Blumen und vergaß die bröckelnden Fassaden.

Mit der Wende kam der Bruch. Die Idee von der „Steinernen Stadt“ kam auf und setzte sich leider durch. Bis heute ist diese „Steinerne Stadt“ bei vielen Einwohnern unbeliebt und führt zu Unverständnis auch bei Besuchern von auswärts, bis heute gibt es Diskussionen um ihre Sinnhaftigkeit, bis heute besteht Hoffnung, daß hier und da doch etwas blühen und grünen darf. An einigen Stellen wie in der Weberstraße, wo durch private Initiative Häuser mit Rosen geschmückt wurden, ahnt man, was auch andernorts möglich wäre. Allgemein gespannt ist man auf die Gestaltung des Alten Hafens, wo das Fehlen von schattigem Grün, von Blumen und gestalteter Natur bedauert wird. Um wieviel schöner könnte diese Flaniermeile sein?!

Vielleicht findet sich ja auch irgendwo die eine oder andere Plastik wieder, die früher Springbrunnen und Straßen zierten. Wenn der Kopf von Ernst Thälmann vor dem Kino überleben durfte, könnte man doch eine künstlerisch wertvolle Plastik wie „Fuchs und Kranich“ ebenfalls wieder aufstellen. DDR-Kunstwerke erleben auch im öffentlichen Raum gerade ihre Wiederentdeckung, und Kunstwerke überhaupt können Markenzeichen ihrer Stadt sein. Warum nicht auch in Wismar?